Hartwig Schultheiß, das Preußenstadion und die Politik…

Seit seiner Vorstellung vor einigen Wochen sorgt das Strukturkonzept der Verwaltung für viel Interesse. Das Konzept skizziert den Umfang eines künftigen „Sportparks Berg Fidel“ und das erste, was man wissen sollte, ist: Nichts aus dem Strukturkonzept muss zwingend (so oder ähnlich) gebaut werden. Das Konzept ist lediglich Grundlage für den neuen Bebauungsplan und soll den Umfang dessen zeigen, was grundsätzlich am Standort entstehen darf und kann.

Und so mühte sich der Verein in den vergangenen Wochen durchaus, die ersten euphorischen Reaktionen auf das jüngst veröffentlichte erste Stadionfoto zu relativieren. Zuletzt erledigte das Sportvorstand Carsten Gockel, der das Bild anlässlich eines SPD-Bürgerdialogs lediglich eine „Designstudie“ nannte. Kurzum: Niemand will den Eindruck erwecken, irgendeine Planung greife dem Verfahren vor. Niemand soll verschreckt werden.

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Licht am Ende des Preußenstadions… oder so.

Licht am Ende des Preußenstadions… oder so.

Ich mag mich täuschen, aber: Als zuletzt ein Konzept für den Stadionstandort Hammer Straße visualisiert wurde, da schrieben wir das Jahr 1996. Und es stand Münsterlandstadion darüber. Im ECE-Einkaufszentrum. Der Preußenpark.

Im Dezember 2000, das können Preußenfans auch im Schlaf aufsagen, scheiterte die Stadt mit ihrem Preußenpark ziemlich fulminant vor dem OVG in Münster. Ein Urteil, das sich ja nur am Rande mit dem Stadion beschäftigte, sondern viel eher mit den Auswirkungen des geplanten Einkaufszentrums. Aber leider auch ein Urteil, das Münsters Politik nachhaltig hemmte und die Entwicklung des Stadions zum Erliegen brachte.

Die Jahre nach dem Urteil muss man im Rückblick als wirr, fast skurril bezeichnen. Da fuchtelte ein „Staatliches Umweltamt“ (mittlerweile aufgelöst) mit absurden Aussagen über einen Betriebsstopp und Zuschauerbeschränkungen herum. Da machte sich die Stadt auf die Suche nach Alternativ-Standorten für einen Stadionneubau – und war dabei so panisch, so vollkommen paralysiert von der Angst vor jeder weiteren Klage, dass nur noch Standorte in Wüstenregionen ohne menschliche Siedlungen im Umkreis von mindestens 100 Kilometern in Frage kamen, in denen keinerlei schützenswerte Flora und Fauna vorkommen durfte; nicht einmal die einsamste Grille zu vertreiben, wäre der Stadt in den Sinn gekommen.

Kein Wunder also, dass in der Flächenstadt Münster nur ein einziger Standort am Ende in Frage kam – und dessen Realisierung ist heute ebenso abwegig wie vor zehn Jahren. Geschenkt.

stadion_ece_1Carsten Cramer und Sportfive

Zwischendurch erschien der damalige Preußen-Tausendsassa Carsten Cramer mit seinem ebenso damaligen Arbeitgeber Sportfive auf dem Feld und brachte einen Stadionneubau am Hessenweg (Gelmer) ins Spiel. Praktisch schlüsselfertig wollte der Sportvermarkter das Stadion dort hinstellen, ein Wunder. Und als einzige Gegenleistung hätte Sportfive wohl sämtliche Vermarktungserlöse des SC Preußen bis ins 22. Jahrhundert kassiert. Irgendwann fiel aber jemandem auf, dass die Westfalen AG direkt nebenan ein Hafentanklager betreibt und darum eben eine Schutzzone und überhaupt: Der Standort sollte ja unbedingt ausgebaut werden und die Westfalen AG bestand darauf.

Der „Hessenweg“ war tot und es ist nur eine Randnotiz, dass bis zum heutigen Tag keine Erweiterung des Hafentanklagers durchgeführt oder geplant war…

Achja. Weil das alte Stadion an der Hammer Straße auch nicht unbedingt hübscher wurde, begann die Zeit der Spachtelarbeiten und Kleinreparaturen. Es war die Zeit, in der das Stadion seine lächerlichen Lautsprechermasten verpasst bekam (von denen heute wiederum bekannt ist, dass sie eigentlich falsch montiert sind und den Schall eher nach außen tragen). Dann übernahm der Bauunternehmer Erich Weber in Eigenregie die Sanierung von 100 Quadratmetern Stehrängen auf der Westkurve. Nach seinem Tod wurden die Arbeiten nicht mehr fortgesetzt und die Westkurve blieb gesperrt und ist heute eine Ruine.

Macht des Faktischen

Erst 2011 musste, nein: konnte sich Münsters Politik nicht mehr aus ihrer Verantwortung stehlen. Der Aufstieg des SCP in die 3. Liga sorgte für die „Macht des Faktischen“. Eine Sanierung musste einfach her, der DFB verlangte das, so einfach ging das. Die Stadt folgte, nicht ohne teils peinliche und unwürdige Aussagen mancher Ratspolitiker – von denen Hery Klas (Grüne) sich besonders unangenehm hervortat mit fast ehrabschneidenden Aussagen über die Vereinsbosse, die sich durch die Hilfe der Stadt ihre dicken Karren leisteten. Ein Unding, was da teilweise öffentlich verbreitet wurde.

Am Ende quälender Debatten verabschiedete der Rat häppchenweise Sanierungsmaßnahmen. Ein neues Flutlicht (Pflicht), ein neuer Rasen (sicher ein Luxus nach 80 Jahren), neue Sanitäranlagen (naja gut) und dann ein paar Maßnahmen in Elektrik, Brandschutz, Ränge. Zwischendurch halfen Fans mit, wenigstens die Ostkurve aufzuhübschen. Das alles summierte sich hübsch, aber so etwas kommt eben dabei heraus, wenn man über Jahrzehnte rein gar nichts tut und am Ende nur noch den Mangel verwalten kann.

Mittendrin einigten sich die handelnden Personen in der Verwaltung auf die unerträglich defensive Wortwahl eines „mittelmäßig akzeptablen Stadions“, um bloß keine weiteren Bedenkenträger aus Reihen der Politik zu wecken. Mittelmäßig. Ja, so kann man das alles durchaus nennen.

Eine feste Kontur… endlich

Und jetzt, endlich, fast 14 Jahre nach dem ECE-Urteil, bekommt das Thema Stadion erstmals überhaupt eine feste, tragfähige Kontur. Nicht sofort, versteht sich. Erst in etwa einem, anderthalb Jahren. Wenn denn das Bebauungsplanverfahren abgeschlossen ist.

In diesem Verfahren sollen die Möglichkeiten des Standorts planungsrechtlich abgesichert werden, so dass künftig niemand mehr sagen kann, „das ist aber nicht erlaubt“. Es ist zugleich der Rahmen, der künftig die Entwicklung des SC Preußen Münster begrenzt.

Wenn alles so läuft wie erhofft, könnte dort an der Hammer Straße künftig ein vollüberdachtes Stadion entstehen. Neue Parkmöglichkeiten würden die heutige Lage deutlich entzerren. Zusätzliche Trainingsplätze würden die Not des SCP lindern. Und nebenbei würde – das darf wohl als kleines politisches Schmankerl gewertet werden – ein kleiner Stadtteilpark entstehen, der dort seit Jahrzehnten geplant war, aber nie umgesetzt wurde. Jetzt geht’s dann also doch…

Bitte nicht missverstehen: Dieses Szenario ist keine konkrete Entwicklungsdarstellung. Es zeigt nur die Möglichkeiten. Nicht mehr, nicht weniger. Gebaut wird deshalb noch nichts. Es geht mehr um die Sicherheit, WAS gebaut werden dürfte. Denn am Ende muss immer jemand zahlen und dass die Stadt keinerlei Interesse hat, in ihr städtisches Stadion zu investieren, haben die Diskussionen seit 2000 deutlich gezeigt. Auch der Klub hat ja mehrfach durch seinen Präsidenten mitgeteilt, man nehme die Haltung der Stadt eben zur Kenntnis. Ein verbales Schulterzucken. Was bleibt auch anders übrig?

5 Millionen Euro für die Verantwortung

Mit 5 Millionen Euro hatte Münsters Politik sich vor rund zehn Jahren aus ihrer Verantwortung herausgekauft. 5 Millionen Euro als städtischer Anteil an einem Stadion. Deckel drauf. 5 Millionen Euro, die nach dem Preußenpark-Aus aber auch dringend notwendig waren und die – das muss man ehrlich sagen – den SC Preußen vor dem finanziellen Ruin gerettet haben. Damals hatte die Preußenführung um Thomas Herda und Schatzmeister Hermann Brück rund 350.000 Euro aus den künftigen ECE-Hessenweg-Einnahmen ausgegeben eingeplant. Geld, das noch gar nicht vorhanden war. Weil Stadt und Sparkasse die 5-Millionen-Gabe anlegten, kassierte der SCP fünf Jahre lang Zinserlöse daraus und verwandte sie darauf, seine Schulden konsequent abzubauen. Der Sparkurs ging auf Kosten des sportlichen Erfolgs, keine Frage.

Der Abstieg 2006 war am Ende nur die unabwendbare Folge jahrelangen Siechtums und die fünf Jahre währende Ochsentour durch die 4. Liga war notwendig, um sich neu aufzustellen. Und wie! Der Klub steht heute einigermaßen gesund da, er schnuppert am Zweitliga-Aufstieg. Der Sport ist attraktiver geworden, zumindest sein Umfeld. Nichts für ungut: Die alte dritte Liga damals hält keinem Vergleich mehr stand mit der heutigen 3. Liga. Dazu genügt ein schneller Blick auf die Zuschauerzahlen. Mit den Zuschauern, die Dynamo Dresden heute in einem Spiel erreicht, hätte man in den frühen 2000er-Jahren zwei, drei komplette Spieltage füllen können. Andere Zeiten.

So, und jetzt? 

Am 10. Dezember soll ein neuer Zeitabschnitt für die Preußen beginnen. Wenn der Rat beschließt, ein Bebauungsplanverfahren anzustoßen (und es gibt keinerlei Grund, etwas anderes anzunehmen), dann bekommt der SCP seine Planungssicherheit. Und weil der Klub nun auch mehrfach dargestellt hat, mit einer Lösung wie Mietzahlungen gut leben zu können, rückt auch eine Westtribüne in greifbare Nähe.

Sicher ist: Stadtverwaltung und Klubspitze arbeiten im Hintergrund eng zusammen (enger als manchem Politiker lieb ist), aber es scheint in dieser Stadt der Bedenkenträger und Zaudernden anders nicht zu gehen. Jüngst war aus der Klubspitze sogar zu hören, dass selbst weitere Baumaßnahmen nach erfolgreich abgeschlossenem Planverfahren nicht utopisch seien – beim SCP hält man den Bau reiner Tribünen ohne Funktionsräume für finanziell machbar.

So nah dran an echten Fortschritten war der Verein seit Preußenpark-Zeiten nicht und in fast 90 Jahren Preußenstadion schon gar nicht.

Der designierte Chefredakteur der Münsterschen Zeitung, Christoph Ueberfeld, schreibt am Samstag (1. November) einen Kommentar. „Eine neue Chance“ heißt er und sagt im Grunde auch, dass nun endlich eine Basis geschaffen werde.

Ein paar Dinge aus dem Text sind spannend:

… auch eine Chance, die Anwohner und den Sport in Berg Fidel wieder zusammenzubringen. Beide Seiten lagen jahrelang im Clinch, bis die Anwohner im Jahr 2000 mit dem Preußenpark-Urteil einen Sieg errangen…

Nun: Sicher ist, dass es keinen „Clinch“ zwischen „den Anwohnern“ und dem Sport gibt. Die Klage gegen den Preußenpark wurde von Münsters Kaufmannschaft vorangetrieben und durch einen einzelnen Anwohner eingereicht. Es gibt meines Wissens keine breite Front der Anwohner gegen „den Sport“.

Wer am Stadion wohnt, muss weiterhin alle zwei Wochen lange Autoschlangen und den Jubel der Fans ertragen.

Das ist richtig, aber irreführend zugleich. Im Laufe eines Jahres muss der durchschnittliche Anwohner 19 Heimspiele akzeptieren, dazu vielleicht ein oder zwei DFB-Pokalspiele sowie eine kleine Zahl von Verbandspokalspielen vor Mini-Kulisse. Das macht dann vielleicht 25 Veranstaltungen an 365 Tagen im Jahr. Veranstaltungen, die in aller Regel einen Zeitraum von fünf Stunden pro Tag nicht überschreiten. Und die Anwohner sind – da mag das Recht ein anderes sein, aber das moralische Empfinden eben deutlicher – verdammtnochmal im Wissen um das vorhandene Stadion in den Stadtteil gezogen. Und genau aus diesem Grund regte sich in den vergangenen Jahrzehnten kaum jemals ein Anwohner gegen den Betrieb des Stadions.

Da war der eine, der sich von der Kaufmannschaft vor den Karren spannen ließ. Und da ist ein zweiter, der nicht einmal in direkter Stadionnachbarschaft wohnt, der mit einer Klage gegen den Tribünenbau vorgehen wollte (und sich mit einer außergerichtlichen Einigung abspeisen ließ). Das war schon die ganze Front der Anwohner gegen „den Sport“. Das Treiben weniger darf nicht das Bild aller beeinträchtigen.

Eines aber ist sicher:

Es gibt keinen anderen Standort für das Stadion bzw. niemanden, der eines irgendwo anders aus dem Hut zaubern würde.

Das schreibt Ueberfeld auch und damit liegt er völlig richtig. Das Hirngespinst Nieberdingstraße können alle Preußenfans vergessen. Der Standort mag planungsrechtlich abgesichert und reserviert sein, aber schon heute ist er weit von jeder Realisierung entfernt. Die Nieberdingstraße ist ein Zombie, ein Untoter im Hinterzimmer, der maximal noch missbraucht wird, um gelegentlich an Türen zu rütteln und ein bisschen Lärm zu machen. Sorry für die drastische Wortwahl: Diesem Zombie schlägt man am besten den Kopf ab, dann ist Ruhe im Karton.

Das Preußen-Leben findet an der Hammer Straße statt. Und da gibt es jetzt kein Zurück mehr, nur noch Vorwärts.

 

 

 

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Der Nachteil: Einen neuen Bebauungsplan aufzustellen, kostet Zeit. Schon wieder. Und der Ablauf des Bauleitplanverfahrens birgt die Gefahr von Klagen, die den weiteren Ablauf im besten Fall nur verzögern, nicht gänzlich verhindern.

Wenn man so will, heißt der neue Weg: Ein Wagnis wagen, um ein erhofftes Ziel anzuvisieren, dessen Realisierung in ferner Zukunft liegt. Oder, okay, anders: Keine Ahnung, was dabei rauskommt, aber versuchen müssen wir es.

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