Wir ha’m bezahlt, wir könn’n jetzt geh’n…

Wir ha’m bezahlt, wir könn’n jetzt geh’n…

Ach ja, wir sind beim SC Preußen Münster wieder in 2011. Oder im Frühsommer 2013. Die Zeiten sind im Grunde wumpe, denn auf den Rängen und abseits davon geht’s wieder mal mehr umeinander als um wichtige Themen. Schade drum, aber das gehört wohl zu einem Traditionsklub dazu.

Sagte ich Tradition? Münsters Tradition besteht ja in den vergangenen paar Jährchen, also sagen wir seit 1991, vor allem darin, schön zu verkacken. Aufstiegsrunden noch und nöcher, kurz vor knapp scheitern, remember Fortuna Köln? Unterhaching? Und wenn schon kein Aufstieg vergeigt wird, dann muss zur Ehrenrettung wenigstens zwischendurch noch einmal ein Abstieg her, alles für den guten Zweck.

Okay, lassen wir mal für den Moment den Sarkasmus weg.

Vielleicht ist es eine normale Begleiterscheinung, dass eine Fanszene um sich selbst zu kreisen beginnt, wenn der Reiz von außen nur Enttäuschung oder gesunkene Erwartungen bringt. Wer 25 Jahre vom Aufstieg redet und sich einfach nie nachhaltig und mit Struktur in Stellung bringt, muss wohl damit rechnen, dass sich die Stimmung drumherum verselbständigt…

Man kennt das ja aus den Nationalmannschafts-Spielen. Wenn’s dem genehmen Publikum zu öde wird, feiert es sich selbst mit einer semi-zünftigen La Ola. Offenbar sieht die münstersche Version dieser La-Ola-Party das gegenseitige Gemecker und Zerfleische vor, wer weiß?

Nehmen wir doch einmal das vergangene Wochenende. Da haben sich ein paar hundert Fans an einem nebligen Samstag auf einen eher unerfreulichen Weg in Richtung Stadion gemacht. Eine Demo gegen Gästeverbote und „Repressionen“ im Fußball. Repressionen wie Betretungsverbote, Meldeauflagen, leicht verteilte Stadionverbote und mehr. Und zuallererst – ganz gleich, wie man zu den Inhalten stehen mag: Wenn sich jemand aufrafft, um aktiv zu werden, verdient das grundsätzlich und vor allem anderen Respekt und nicht dumme Kommentare.

Selbst wenn Probleme dieser Art nur einen kleinen Teil der Fans betreffen, so haben sie doch zwingend Konsequenzen für alle anderen. Einst in Erfurt und Wiesbaden waren alle Preußenfans ausgesperrt. Ebenso in Osnabrück. Und ja, es gibt Ursachen für solche Strafen, nämlich Taten von Einzelnen. Für solche Taten kann man aber eben nicht alle bestrafen. Das ist der falsche Weg und dieses grundsätzliche Problem kennt auch der Verein, dessen Präsident Georg Krimphove immer wieder den Widersinn solcher Kollektivstrafen betont.

Hauptsache, dass man etwas tut

Es ist übrigens auch völlig egal, ob da am Samstag nun 250, 300 oder 450 Leute demonstriert haben. Entscheidend ist, DASS sie es getan haben. Weil sie bereit sind, für ihre Interessen und zugleich auch noch die von anderen Fans auf die Straße zu gehen. Die Logik müsste daher lauten: Toll von jedem/jeder einzelnen, der/die mitgelaufen ist. Und ganz sicher braucht es keine herablassenden Kommentare der Art „bäh, das waren doch nur eine Handvoll“ und „das ist doch nur ein kleiner Teil“.

Ja, es ist richtig: Was unsere aktive Fanszene da manchmal veranstaltet, nervt gelegentlich. Ja, man könnte das Pyro-Gebrenne auch mal lassen. Ja, es ist kontraproduktiv und semi-schlau, sich gegenseitig auf den Deckel zu hauen. Ja, diese „ACAB“-Parole und „Bullen aus der Kurve“-Brüllerei ist ein bisschen arg einseitig formuliert. Nein, man muss sich nicht bei jeder Gelegenheit mit der Violet Crew Flaschen um die Ohren werfen. Alles nervig und manchmal ein bisschen aufgesetzt, ja, ja, ja. Aber Fehler machen alle und manchmal nimmt man sich auch einfach etwas zu wichtig. Manchmal gewinnt Attitüde über Logik und Verstand – aber das alles spielt doch letztlich gar keine Rolle.

Eine Rolle spielt dagegen die Entwicklung, die der Fußball nimmt. Wer ein bisschen die Augen öffnet, dem kann ja nicht verborgen bleiben, dass es hier um ein fundamentales Problem geht. Um den Versuch, den Fußball zu domestizieren. Ihn handzahm zu machen. Zu „versalzburgen“, um es mal launig zu formulieren. Organisierte Fans, die zu höflichen Klatschaffen degeneriert werden sollen.

Klingt übertrieben? Ja, vielleicht. Die Gefahr ist aber real – zumindest für jene, die etwas mehr Leidenschaft in den Sport stecken (wollen). Das kann man nachlesen und nachhören. Immer dann, wenn Vereine, die längst Aktiengesellschaften oder GmbH sind, über Marken schwatzen und Märkte und Produkte. Und über Kunden. Bei festgeschriebenen Ablösesummen in moralisch verwerflichen Dimensionen, die noch widerlicher werden, weil sie bezahlt werden und in diesem gewaltigen Business überhaupt erst möglich werden.

Wir befeuern das Business

Da müssten eigentlich bei allen Fans die Sirenen schrillen, nicht nur in den Kurven. Und warum? Weil es wir Fans sind, die das ganze Produkt Fußball ölen mit all den Fernsehabenden, den 15 jährlichen Trikots, Sondereditionen, Jubiläumsschals, Sky-Abos, mit unseren Tickets und Dauerkarteb, mit Vereinsmitgliedschaften und all dem ganzen Gedöns, das rund um den Fußball völlig normal geworden ist.

Die kommerzielle Entwicklung ist das eine. Aber natürlich hat auch in der Bewertung von Fanszenen selbst ein Kulturwandel stattgefunden. Der erstreckte sich über 20, 30 Jahre und vielleicht ist er deswegen für viele nicht mehr sofort sichtbar. Wer eine handelsübliche TV-Übertragung sieht, der bekommt den heutigen Ton ja direkt mit. Da sind die unverbesserlichen Chaoten, die Kriminellen, die Straftäter. Natürlich stehen da auch solche. Aber eben nicht alle. Und damit es der letzte kapiert, steckt Johannes B. Kerner eine Schaufensterpuppe in Brand und sagt, „das könnte ein Kind sein“. Kann man eine derart grobe Verzerrung wirklich einfach tolerieren?

„Laut“ geben

Pauschalurteile, Kollektiv-Strafen. Das ist der Soundtrack zum neuen Fußball. Damit das klar ist: Nichts davon ist jetzt mit einfachen Mitteln umkehrbar oder zu heilen. Deswegen braucht es aber langen Atem und den Willen, zwischendurch „Laut“ zu geben und Zeichen zu setzen. Ein Zeichen wie die Demo am Samstag. Ein Zeichen wie das des Fanprojekts, das die Kommunikation mit der Polizei auf Eis gelegt hat.

Und ein Zeichen wie beim Spiel gegen Osnabrück, als sich der zentrale Bereich der Fiffi-Gerritzen-Kurve nach 15 Minuten leerte. Ein Zeichen! Nicht mehr, nicht weniger.

Der leergeräumte Block der FGK...

Der leergeräumte Block der FGK…

 

Muss man da wirklich von den eigenen Leuten ausgebuht, ausgepfiffen oder verhöhnt werden? Was da aus Richtung Gegengerade in Richtung FGK schallte, war traurig. „Ihr habt bezahlt, ihr könnt jetzt geh’n“ und „Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen“. Ein Tiefpunkt in der Preußen-Familie. So wie 2011. Wieder einmal alle gegen jeden. Bitter.

Selbst wenn man die zugrundeliegende Aufregung partout nicht teilen will: Es gehört sich einfach nicht, Fans gleicher Farbe so zu verspotten.

„Jaaha… aber in einem so wichtigen Spiel hätte man die Mannschaft unterstützen müssen…“ – so klingt jetzt manche Beschwerde. Und das Irre ist: Vermutlich hätten jene Fans genau das unheimlich gerne getan. Sie haben aber trotzdem ein Zeichen gesetzt, auch wenn ihnen das weh tat. Auch wenn es unbequem war. Und ihnen neue Vorwürfe eingebracht haben dürfte.

Es gibt Anlass genug, sich kritisch mit der aktiven Szene hinten in der Ostkurve auseinanderzusetzen. Es ist legitim, diese Kritik zu formulieren. Wenn sie halbwegs vernünftig argumentiert ist, findet sie sogar Gehör. Es gibt aber wohl Themen, bei denen man nie auf einen gemeinsamen Nenner kommt. Dann ist das eben so. Dann ist man sich eben nicht einig. Das alles geht – solange man sich nicht gegenseitig anpestet.

Das Bild der zerstrittenen Fanszene wird nicht nur durch sichtbare, räumliche Trennung offenbar. Es wird auch durch das Verhalten der Fanszene selbst deutlich. Und das ist schade, weil es niemandem hilft und wenn doch, dann sicher nicht den Fans selbst.

Der unbescheidene Wunsch? Wie schön wäre es, über persönliche Animositäten und Abneigungen hinwegzusehen und das größere Bild zu betrachten. Sich um der Sache willen gemein machen, ohne sich einig zu sein. Das scheint leider derzeit (wieder einmal) etwas viel verlangt.

 

 

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3 Gedanken zu “Wir ha’m bezahlt, wir könn’n jetzt geh’n…

  1. Es gehört sich nicht? Dann gehört es sich aber ebenso wenig, Fans gleicher Farbe ein „Fickt euch alle“ entgegenzuhalten. Und genau aus diesem Plakat heraus kommt auch der Hohn.

    Darf ich mal zusammenfassen:
    1. Ultras zünden immer wieder Pyros und fordern die Absetzung Bäumers – eine Meinung, die mit hörbarem Widerstand anderer Fans aus allen Bereichen in Form von „Ultras raus“ rufen quittiert wird.
    2. Ultras halten Plakat „Fickt euch alle“ hoch.
    3. Ultras bekommen erwartbare Strafe, die niemand überraschen kann.
    4. Der FGK nahe stehende Grupperierung zerstört einen Zug.
    4. Ultras führen eine Aktion gegen die erwartbare Strafe durch.
    5. Andere Fans quittieren diese Aktion nicht mit Unterstützung – aber auch nicht mit Wut oder Beleidigung, sondern mit Ironie.
    6. Ultras. MIMIMMIMIMIMIMIMMAMMADIEMACHENNICHTMIT.

    Echt jetzt, gibt es in dieser Gruppierung denn keinen mehr, der einfach mal sagt: Leute, wir müssen die anderen mal wieder mitnehmen und dabei auch mal Fehler eingestehen?

    • Man kann das teilweise so sagen – wobei eines auch klar sein sollte: Jedweder Ärger wurde und wird nicht von den Ultras kommuniziert. Die Ultras aus dem Bereich der FGK kommunizieren ja gar nicht öffentlich (was ein anderes Thema wäre). Verärgert sind dagegen Fans, die man vielleicht ultra-nah nennen dürfte. Oder solche Fans, die sich im Protest mit manchen Themen der Ultras vereint sehen. Das „Mimimimimimi“ kann man also mir oder aber anderen Fans in die Schuhe schieben, aber schwerlich den Ultras. Übrigens glaube ich, dass innerhalb der Ultra-Szene durchaus diskutiert wird über manches Verhalten – was man nebenbei an der jüngst doch einmal erfolgten kritischen Stellungnahme in Sachen Sachbeschädigung in einem Waggon (nicht Zerstörung eines Zuges) sehen konnte.

      Noch etwas: Es sind wahrlich nicht nur die Ultras, die eine „Absetzung“ von Thomas Bäumer fordern. Und grundlos geschieht das auch nicht, sondern wegen konkreter Aussagen und Verhaltensweisen.

      Sorry, und NOCH etwas: „Die Ultras“ (was übrigens auch unsauber ist, weil es nicht „die“ Ultras sind, sondern eher „eine“ Ultra-Gruppe) führen keine Aktion gegen eine erwartbare Strafe durch, sondern protestieren gemeinsam mit dem Fanprojekt gegen Kollektivstrafen und scheinbar/tatsächlich schikanöse Auflagen, die auch unbeteiligte Fans treffen. Soweit ich informiert bin, waren die Beteiligten aus der „Fickt-euch-alle-Pyro-Nacht“ sich darüberhinaus im Klaren über mögliche Konsequenzen und daher nicht überrascht. Diese Grad an Intelligenz bringen die meisten sicher mit 😉

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