RasenBallsport Leipzig bangt um seine Rendite… über einen sogenannten Verein

RasenBallsport Leipzig bangt um seine Rendite… über einen sogenannten Verein

Als ob es nicht genug wichtigere Themen gäbe. Man könnte sagen: Natürlich ist es für den Fortgang der Welt unerheblich, ob RasenBallsportLeipzig in der Bundesliga spielt. Es ist doch nur Fußball.

Genau.

Genau darum ist es wichtig, auf dieses Detail hinzuweisen. Es geht um Fußball. Für die meisten von uns. Vermutlich geht’s auch den Spielern von RB Leipzig nur um Fußball. Den Zuschauern in Leipzig vielleicht auch. Aber dass sie sich haben einspannen lassen für den Werbefeldzug eines Unternehmens, das wollen sie nicht hören. Es ist aber so.

Vermutlich etwas unfreiwillig hat ja Dietrich Mateschitz am Donnerstag verraten, worum es beim sogenannten Rasenballsport Leipzig geht. Gerade hatte die Deutsche Fußball-Liga (DFL) in einem Anfall von Aufmüpfigkeit die Leipziger Beschwerde gegen die Lizenzauflagen abgelehnt. Jetzt ist weiter unklar, ob RB Leipzig tatsächlich in der 2. Bundesliga wird antreten dürfen.

(Update: Natürlich deutet viel darauf hin, dass es RB Leipzig letztlich doch in die Liga schafft.)

Entmündigt?

Und in der Aufregung über die vergleichsweise überraschende Auskunft der DFL hatte Mateschitz geklagt, „man“ wolle vielleicht nicht, dass Leipzig in der Bundesliga spiele. Man wolle die Klubführung „entmündigen“, indem man das Investment löst von der Vereinsführung. Wörtlich: „Das heißt im Klartext, dass wir zwar weiterhin Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe tätigen dürfen, aber gleichzeitig unseren Entmündigungsantrag unterschreiben sollen.“

Und überhaupt: Hätten sich damals die Formel-1-Gremien ähnlich angestellt wie heute die DFL, wäre Sebastian Vettel mit Red Bull sicher nicht viermal Weltmeister geworden. „Auf diese Art“ nicht.

„Auf diese Art“ ist dabei nur eine freundliche Umschreibung des Geschäftsmodells. Maximaler Erfolg durch maximalen Aufwand.

Anders gesagt: Red Bull will nicht investieren, wenn es nicht zugleich kontrollieren kann. Aber genau das unterscheidet Sponsoring von Investment. Red Bull ist ein Investor, der eine Rendite erwartet. Wie jedes kluge Unternehmen nutzt es die Wege, die Aufmerksamkeit versprechen. In diesem Fall den Fußball. Formel 1. Extremsport.

Dass Red Bull in Leipzig keine duselige Vereinsmeierei betreibt, sondern ein knallhartes Geschäft, ist nun wirklich nicht überraschend. Nur mag man das nicht gerne hören und in Leipzig spricht auch kein „Vereinsvertreter“ so.

Überhaupt: Allein die Zuschauerzahlen zeigen doch, wie das Produkt RB Leipzig angenommen wird. Im Juli 2013 fand das erste Heimspiel der Leipziger in der 3. Liga statt. Man sollte meinen, das hätte für ein erhöhtes Interesse gesorgt – doch dann waren es am Ende noch unter 10.000 Zuschauern. Für sich genommen keine schlechte Zahl – aber gemessen an den insgesamt wirr schwankenden Zahlen bis zu 42.000 Zuschauern doch spannend. Heute 10.000, morgen 25.000. Das ist ein Publikum, dem es um das Event geht, nicht um den Sport oder gar den „Verein“.

Alles nur Neider…

In der „Zeit“ schrieb Martin Machowecz am Donnerstag (8. Mai) ein Plädoyer für RB Leipig. Ein Verein wie dieser fehle dem Osten ja tatsächlich, so die These des Autors. „Ein Konzern aus Österreich verhilft dem Osten zum Einbruch ins westdeutsche Fußball-Establishment, um nicht weniger geht es hier.“

Das ist eine interessante Verdrehung. Schließlich geht es dem „Konzern aus Österreich“ natürlich nicht um den Sport und schon gar nicht um irgendeinen „Einbruch ins westdeutsche Fußball-Establishment“. Ich unterstelle, dass Red Bull nicht einmal zu benennen wüsste, was dieses westdeutsche Fußball-Establishment eigentlich sein soll.

Nein, hier geht es um ein Unternehmen, das strukturiert und planvoll in den Sport investiert, um daraus Rendite zu erzielen. Das ganze Handeln des Unternehmens spricht keine andere Sprache. Wer hier Gefühlsduselei für den Sport unterstellt, lässt sich einlullen.

„Fußballzyniker, die nicht gönnen können“, schimpft Machowecz über jene Fußballfans, die RB Leipzig alles Schlechte wünschen. Aufwachen, möchte man dem Autor zurufen, der sich im Stadion auf „Ekstase und Euphorie“ einlässt und gar nicht bemerkt, dass er zum Werbevieh eines Konzerns wird, der sich anschließend mit den bunten Bildern schmückt.

Noch mehr gehasst wird wohl nur Hoeneß, oder?

Mateschitz. Red Bull. Vermutlich gibt es wenige Namen, die im (deutschen) Fußball noch mehr erregen. Okay, Uli Hoeneß vielleicht. Aber dem kaufte man immerhin sein Herz für den FC Bayern ab. Von Mateschitz darf angenommen werden, dass ihm am Fußball wenig gelegen ist und dass er abends weniger Tabellen als vielmehr Business-Reports studiert. Wenn er sagt, die Forderung nach „demokratischeren Strukturen“ sei ein „unsittlicher Antrag“, dann möchte man sich glattwegs übergeben. Schlimmer noch: Man wolle ja niemanden „zwangsbeglücken“, so Mateschitz. Eine kaum verhohlene Drohung, das Investment zu beenden, sollte die DFL bei ihrer Haltung bleiben. „Zwangsbeglückung“. Als hätte irgendein Fan, irgendein Verein auf das Erscheinen eines Unternehmens wie Red Bull gewartet.

Die Arena in Leipzig.

Die Arena in Leipzig.

Der sogenannte Verein „RasenBallsport“ ist ein künstlich geschaffenes Wesen. Sein einziger Wesenszweck ist das Marketing für ein Produkt. Je erfolgreicher der Klub, je mehr Strahlkraft, je mehr Markenwucht. Sportliche Erfolge sind dafür unabdingbar und so erklärt sich ja auch Mateschitz‘ Erregung, nachdem die DFL eher unbotmäßig reagiert hatte und sich mit der Lizenzerteilung für den „Klub“ weiter schwer tut.

Im Kern geht’s weiterhin um drei Punkte:

Das Logo von RB Leipzig widerspricht den DFL-Richtlinien. Es ist eine kaum versteckte Adaption des Unternehmenslogos: Zwei Stiere neben einer gelben Sonne. Leipzig platzierte ganz schlicht noch einen Fußball hinein, die Stiere bekamen eine Art Flügel – das war’s.

Die zweite Bedingung betrifft die Struktur des Vereins. Der gesamte Verein wird von Mitarbeitern des Unternehmens Red Bull gesteuert – nach Ansicht der DFL widerspricht das der 50+1-Regelung. Die soll verhindern, dass Investoren in Kapitalgesellschaften eine Mehrheit übernehmen. Die DFL dehnt hier natürlich ihre eigenen Regeln aus – schließlich ist RB Leipzig ja gerade keine Kapitalgesellschaft. Aber in gleicher Weise versucht ja auch Red Bull, die Statuten hinterrücks auszuhebeln. Da herrscht also gewissermaßen Waffengleichheit.

Dritte Bedingung, wenngleich selbst für die DFL wohl ohne ganz große Priorität: Die Zugangshürden für die Vereinsmitgliedschaft müssen gesenkt werden. Derzeit sperrt RB Leipzig potenzielle Mitglieder durch absurd hohe Beiträge aus und behält sich überdies vor, jedes neue Mitglied glattwegs abzulehnen. Klar, was da hintersteckt. Niemand soll sich hereinschleichen und Einfluss nehmen. Dass Mitgliederversammlungen dieses „Vereins“ eine reine Farce sind – geschenkt.

Wirklich bezeichnend ist ein Beitrag von Guido Schäfer, Redakteur bei der Leipziger Volkszeitung. Der schrieb über die Auflage in Sachen Mitglieder: „Eine Öffnung an der Mitglieder-Front ist dennoch möglich und tut nicht weh. Diesbezügliches Zauberwort: Fördermitglieder. Die tun Gutes, haben aber nix zu sagen.“

Das ist gleich doppelt entlarvend: Es zeigt, welche Rolle Mitbestimmung im Verein RB Leipzig spielt. Und es zeigt, wie unkritisch und ehrerbietend Journalisten mit dem Projekt umgehen.

Schwierige Diskussion

Die ganze Diskussion ist ein bisschen schwierig, weil sie zu einem gewissen Grad scheinheilig ist. Längst spielen von Unternehmen unterstützte „Werksklubs“ wie Wolfsburg oder Leverkusen eine ganz natürliche Rolle in der Bundesliga. Im Unterschied zu Leipzig verhalten sich jedoch Bayer und Volkswagen deutlich zurückhaltender. Sie geben nicht vor, etwas zu sein, das sie nicht sind. 1899 Hoffenheim wird von einem Mäzen unterstützt – und ist dennoch ein Kunstprodukt wie Leipzig. Aus den Niederungen des Fußballs nach oben gedrückt unter Einsatz gewaltiger Finanzmittel.

Und selbst die so gerne als Gegenmodell genannten Traditionsvereine wie BVB oder HSV oder all die anderen strahlenden Vereine der Liga haben knallharte Wirtschaftsinteressen. Geld spielt überall eine Rolle. Und wenn eine KGaA wie der BVB an der Börse gehandelt wird, wenn sich der FC Bayern seine Erfolge durch ungeheure Aufwände erkauft, dann relativiert sich das Geschäftsmodell von Red Bull ja bis zu einem gewissen Grad.

Wer seine Trikots mit Wiesenhof oder Gazprom schmückt, stehe rein moralisch nicht viel besser da als RB Leipzig – so steht’s in der „Zeit“. Das ist natürlich reine Augenwischerei – denn weder Wiesenhof noch Gazprom „betreiben“ Bremen oder Schalke so wie Red Bull es versucht.

Scheichs und Filialen

Schlimmer noch: Der Blick zum Beispiel nach England offenbart das ganze Dilemma. Scheichs handeln mit Vereinen, die Summen für Spieler erreichen langsam ekelerregende Höhen. Und in den USA werden Baseballteams oder Basketball-Klubs wie Wirtschaftsgüter gehandelt und neue „Filialen“ an anderen „Standorten“ errichtet. Der Sport ist da nur noch ein Produkt.

Bisher hat sich der deutsche Fußball – auch dank der 50+1-Regel – diesem Irrsinn verschlossen. Auch deshalb hinken deutsche Vereine international eben doch hinterher, mit dem irren Handel in Spanien oder England ist nicht Schritt zu halten.

Und doch: Man muss nur das Modell Red Bull Salzburg betrachten, um die ganze Perfidie und Rücksichtslosigkeit von Red Bull zu erkennen. Praktisch im Handstreich wurde das alte Austria Salzburg übernommen, die Vereinsfarben geändert, die aktive Fanszene aus dem Stadion gedrängt – Platz da! Hier kommt Red Bull Salzburg. Ein Verein ohne Geschichte, ohne Identität, stattdessen mit einer Corporate Identity.

Wie geht’s weiter?

Am 28. Mai muss die Entscheidung fallen. Dann tagt der Lizensierungsausschuss der DFL.

Es ist nur so, dass die Sorgen wachsen. Schließlich hat nun „Kaiser“ Franz Beckenbauer selbst dem „Verein“ RasenBallsport alles Gute gewünscht und eine baldige Ankunft in der ersten Liga avisiert. Damit dürfte dann Red Bull endgültig in der Mitte der (Fußball-)Gesellschaft angekommen sein. Da weiß man gar nicht mehr, gegen welche Wand man zuerst rennen möchte.

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Ein Gedanke zu “RasenBallsport Leipzig bangt um seine Rendite… über einen sogenannten Verein

  1. Pingback: Presse 09.05.2014 | RB Leipzig News - rotebrauseblogger

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