Alle raus.

Alle raus.

Es ist noch nicht lang her, da maulte sich auf Preußen schon mal jeder an. Bäumer raus, Ultras raus, Vorstand raus – alle konnten sich nicht mehr leiden. Irgendwann kam der SV Darmstadt vorbei und dessen Fans hatten reichlich zu feixen. „Alle raus“ juxten sie hinten im Gästeblock. Absurde Szenen.

Im Vergleich zu dem, was sich am Mittwoch und Donnerstag rund um den SC Preußen abspielte, war’s aber fast nur eine Lappalie. Einen guten Tag brauchte der Verein, um sich völlig ohne Not ins Chaos zu stürzen. Er veranstaltete einen öffentlichen Zirkus auf Provinzniveau – und jeder durfte mal ran.

Und warum?

Weil der neue Sportliche Leiter am Dienstag (ausgerechnet) dem Boulevard-Blatt „Bild“ ein Interview gegeben hatte und darin über seine Vorstellungen und Absichten Auskunft gegeben hatte. Tenor: Er werde die Mannschaft zusammenstellen – und dafür am Ende auch den Kopf hinhalten. Er habe eine Vorstellung vom künftigen Preußen-Fußball (Schnelles Umschaltspiel, früh attackieren, gegen den Ball arbeiten – und das alles mit jüngeren Spielern, die die nötige Qualität mitbrächten und finanzierbar seien) und dass sich das Gesicht der Mannschaft verändern werde. (Zum Nachlesen hier)

Zunächst einmal: Würde da jemand ernstlich widersprechen? Was sonst steht denn beim SC Preußen an, der ein Team aufbietet, in dem zahlreiche Profis die 30 weit überschritten haben, das schon heute das älteste Team der Liga ist – mit einem ernsten U23-Problem?

Aber dann war da die Aussage über den Trainer. Ralf Looses Vertrag läuft nur bis zum 30. Juni – auf eigenen Wunsch, wie er bei seiner Vorstellung im Herbst 2013 sagte. Im Interview betonte Dammeier, dass die Gespräche mit dem Trainer „nicht zwingend“ an erste Stelle stünden. Das zu sagen, ist grundsätzlich in Ordnung. Wenn der neue Sportliche Leiter eine ernsthafte Rolle spielen soll, dann gehört es zu seinen Kernaufgaben, dem künftigen Preußenteam eine Kontur zu verpassen – seine Kontur. In Absprache, natürlich. Ein Alleingang dürfte es nicht geben, welcher Trainer würde es dulden, dass ihm sein neues Team lediglich vorgesetzt würde?

Genau hier aber liegt eine von zwei Schwächen des Interviews. „Bild“-typisch war die Überschrift zugespitzt auf „Ich bestimme allein“. Und das kann Dammeier kaum ernstlich meinen. Natürlich kann Dammeier nicht nach eigenem Gutdünken entscheiden – sein Einfluss muss groß sein, aber er kann nicht über die Köpfe des Sportvorstands Carsten Gockel, des Trainers und des Vorstands hinweg entscheiden. Natürlich muss Dammeier jene mit an Bord holen, mit denen zusammen er die kommenden zwei Jahre gestalten soll.

Aber: In der Sache hat Dammeier doch Recht. Als Sportlicher Leiter muss er den sportlichen Kurs vorgeben. Schließlich wird gerade er am Ende daran gemessen, was herausspringt. Und falls der Sportliche Leiter der Meinung ist, der Trainer Ralf Loose passe nicht zu dem, was hier geplant sei, dann ist das erst einmal so hinzunehmen. Anders gesagt: Wenn ich Kreuzfahrten ans Nordkap anbieten möchte, suche ich dafür keinen Binnenschiffer als Kapitän. (Womit hier keinesfalls Ralf Loose als Binnenschiffer bezeichnet werden soll! Es geht lediglich um das Verständnis, für eine Aufgabe die passende Person zu finden.)

Oder auch auf einer persönlichen Ebene: Wenn Loose genau der richtige Mann ist, aber er und der Sportliche Leiter sichtlich nicht auf einer Wellenlinie funken – auch dann stehen die Zeichen auf Trennung. Das ist vielleicht nicht furchtbar elegant – aber dennoch Fußball-Tagesgeschäft.

Nur einmal am Rande: Wofür eigentlich wurde ein Sportlicher Leiter eingestellt, wenn nicht insgesamt für diese Art von Vorgehen?

Nun: Das Interview dürfte bei klarem Blick kaum für diese Woge der Entrüstung sorgen. Aber es erschien eben mit knackiger Überschrift á la „der Boss bin ich“ eben in der „Bild“ und das auch nur einen Tag vor dem Spiel gegen Chemnitz.

Offenbar traf Dammeier damit einen Nerv, wenn auch den falschen. Alle fühlten sich angegriffen. Der Trainer, der das „respektlos“ fand. Die älteren Spieler um Daniel Masuch und Stefan Kühne fanden es überflüssig und die ganze Mannschaft hielt es für angezeigt, das Interview in der Kabine aufzuhängen und Dammeiers Gesicht zu schwärzen? Was ist das für ein Kindertheater?

Dabei hatte Dammeier ja über keinen einzigen Spieler gesprochen – lediglich allgemein die Verjüngung des alten Kaders angezeigt und ergänzt, damit werde sich auch die Hierarchie verändern. Na und? Ist das für Profis unzumutbar? Und – siehe oben – welche Alternative hat der SCP denn überhaupt? Wenn so ein Hinweis für die kommende Saison erfahrene Profis durcheinander bringt, dann muss man sich wundern.

Das ganze Schauspiel am Donnerstag war am Ende vor allem eines: unwürdig. Keine ordnende Hand da. Niemand, der sagte, jetzt ist Feierabend, niemand redet mehr. Alle halten den Mund. Wir klären das in Ruhe. Intern. Ein Armutszeugnis auch für die Mannschaft, die besser ihre Leitwölfe hätten schweigen lassen.

Nein. Alle redeten durcheinander – und binnen weniger Stunden war der Mann, der auserkoren war, dem Verein sportliche Struktur zu verpassen, sturmreif geschossen. Anstatt dem neuen Sportchef erst einmal zur Seite zu springen, seine Äußerungen wenigstens sachlich-inhaltlich einzuordnen, warf der Präsident öffentlich ein mögliches Ende der Zusammenarbeit in den Raum. Und der Aufsichtsratschef donnerte, es gebe keine Alleingänge und nannte das alles einen „mittelschweren Unfall“. Beide, Marco de Angelis und Thomas Bäumer, saßen doch erst vor fünf Wochen neben Dammeier. Und dann so eine Reaktion.

Nun kann derzeit ja noch niemand die Arbeit von Detlev Dammeier beurteilen. Seine Vita als Sportchef begann bei Arminia Bielefeld wenig erfolgreich. Allzuviel Erfahrung in dieser Position hat er noch nicht. Das alles hat aber zunächst keine Bedeutung – denn beim SCP hatte er noch überhaupt keine Chance, etwas zu bewirken. Es ist jetzt aber ausgesprochen fraglich, ob Dammeier nach dieser Behandlung überhaupt noch einen sinnvollen Beitrag leisten kann.

Dammeier selbst dürfte andererseits klar geworden sein, dass er den falschen Zeitpunkt gewählt hatte und den falschen Zungenschlag. Die Reaktionen zeigen das deutlich. Zu Recht kann man ihm vorwerfen, zu forsch in die Öffentlichkeit vorgeprescht zu sein. Die Außenwirkung seiner Wort hat er sichtlich unterschätzt. Nach fünf Wochen wäre es angezeigt gewesen, den Ball noch etwas flacher zu halten – oder, wenn klare Worte gefragt sind, diese zunächst und in jedem Fall intern zu klären.

Aber muss man nicht erwarten, dass diese Geschichte etwas mit ein paar Tagen Abstand in Ruhe intern geklärt werden kann?

In Sachen Krisenmanagement hat der SC Preußen hier kein gutes Bild abgegeben. Alle Beteiligten haben sich gehen lassen, wo dringend Sachlichkeit angebracht war. Jetzt stehen sie gemeinsam vor einem Scherbenhaufen – und haben die schlechte Presse gleich obendrauf. Die „Bild“ spinnt das Thema genüsslich weiter und freut sich über ihre Coup, in Münsters Tagespresse steht der Verein wieder mit kritischen Schlagzeilen.

Die Mannschaft

Und die Mannschaft… Auch sie verhielt sich nicht gut. Ausgerechnet das Team, dem selbst doch Probleme mit Ralf Loose nachgesagt wurden (z.B. nach den Suspendierungen mehrerer Spieler), geht jetzt eine enge Beziehung mit dem Trainer ein. Plötzliche Solidarität? Stefan Kühne, der Ex-Kapitän, der unter Ralf Loose wie auch unter Pavel Dotchev kein Stammspieler mehr war und der ohnehin mit einem Abschied spekuliert haben dürfte, der von Ralf Loose schon einmal nach 32 Minuten ausgewechselt wurde- dieser Stefan Kühne stellt nun das Interview seines Vorgesetzten als Grund hin, seinen Vertrag nicht mehr zu verlängern?

Und prompt fand auch die Geschichte von dem in der Mannschaftskabine aufgehängten Artikel samt geschwärztem Dammeier-Bild den Weg in die „Bild“. Das hat doch auch ein Spieler herausgetratscht! Ist das ein Benehmen für eine Mannschaft? Es sind Angestellte des Vereins, die hier nicht minder respektlos agieren – und dazu gibt es keinen Rüffel? Und das von der Mannschaft, die durch teilweise lähmende Vorstellungen dazu beigetragen hat, dass überhaupt erst Trainerwechsel und die Installation eines Sportlichen Leiters notwendig wurden?

Die auf einmal eine Gemeinschaft auf dem Platz zur Schau stellt, über die noch vor wenigen Wochen und Monaten starke Zweifel bestanden? Das sagt auch viel über das Team aus.

Steckt mehr dahinter?

Insgesamt wirft der Umgang mit diesem Interview eine Frage auf. Wenn man feststellt, dass der Inhalt des Interviews im Grunde genau dem entspricht, was beim SCP ja nun einmal ansteht – dann geht es am Ende nur noch um eine Stilfrage. Man könnte einfach sagen: Demnächst klären wir solche Dinge zuerst intern. Wir sprechen uns ab. Damit wäre das Thema durch.

Wenn es aber nur um eine Stilfrage geht, warum steht dann gleich die gesamte Personalie Dammeier auf dem Prüfstand? Ist die Reaktion der Klubführung eigentlich angemessen ausgefallen? Oder muss man fragen, ob sich in den vergangenen fünf Wochen möglicherweise das gegenseitige Verständnis verändert hat? Funktioniert das Verhältnis nicht? Dann hätte der SCP in seinen Personalentscheidungen nicht das glücklichste Händchen – oder einfach Pech.

Aber gemessen an den sachlich korrekten Einschätzungen von Dammeier ist die Reaktion bemerkenswert heftig ausgefallen. Das ist der spannende Teil – und ausgerechnet jetzt wollen alle Beteiligten nichts mehr dazu sagen. Das passt ins Bild. Reden, wenn Ruhe angesagt wäre. Und wenn man eine Situation transparent klären könnte, mit ein paar ruhigen Worten – wieder nur Schweigen.

 

 

 

 

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